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Rede anlässlich der Gedenkfeier zum 2. Oktober 1944

Wie jedes Jahr gedenken wir heute der Ereignisse vom 2. Oktober 1944. Das ist nun genau 80 Jahre her. Das scheint lange her zu sein, vor allem, wenn man heute erst 10 oder 12 Jahre alt ist. Aber ich kenne genug Menschen, die 85, 90 und sogar 100 Jahre alt sind. Für sie fühlt es sich oft gar nicht so lange her an. Sie wissen meist noch sehr viel über den Krieg. Und wenn sie damals schlimme Dinge erlebt haben, dann leiden sie heute oft noch darunter – unter der Erinnerung daran.

Gleich gehen wir zu dem Denkmal mit den Namen der acht Männer, die hier am 2. Oktober 1944 von den Deutschen erschossen wurden. Neben diesem Denkmal befindet sich außerdem eine Glasplatte, auf der der Name von Frau Bitter eingraviert ist. Sie wurde am 2. Oktober nicht erschossen, sondern in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, wo sie kurz darauf starb.

Sechs der acht Männer, deren Namen wir gleich verlesen werden, gehörten einer Widerstandsgruppe aus Apeldoorn an, der „Vrije Groep Narda“. Die beiden anderen Männer waren ein britischer und ein amerikanischer Pilot, die von der Widerstandsgruppe gerettet worden waren. Sie hielten sich versteckt im Haus von Frau Bitter auf.

Anführerin der Widerstandsgruppe war Meinarda van Terwisga, eine junge Frau aus Apeldoorn.  Unter ihrer Führung halfen sie Juden bei der Suche nach Verstecken und unterstützten Alliierte, die mit ihrem Flugzeug oder als Fallschirmjäger abgestürzt waren. Außerdem besorgten sie für all diese Menschen Lebensmittelmarken und gefälschte Personalausweise. Kurz gesagt: eine sehr gefährliche Arbeit.

Ende September 1944 ging alles schief. Es stellte sich heraus, dass sich ein Verräter in der Gruppe befand, und die „Vrije Groep Narda“ geriet in die Falle. Einigen gelingt die Flucht, doch Meinarda, sechs Männer aus ihrer Gruppe, die beiden Piloten und Frau Bitter werden festgenommen. Die beiden Frauen werden ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, die acht Männer werden gnadenlos ermordet.

Und als ob das noch nicht grausam genug gewesen wäre, wurden die Leichen der acht Männer auf Straßen, Plätzen und Kreuzungen in ganz Apeldoorn ausgelegt. Um ihren Hals trugen sie ein Schild mit der Aufschrift: „Terrorist“. Auf diese Weise wollten die Deutschen Rache nehmen und eine Warnung aussprechen.

Meinarda van Terwisga überlebte das Lager Ravensbrück und kehrte nach Apeldoorn zurück. Für ihre Hilfe zugunsten alliierter Soldaten erhielt sie eine hohe britische Auszeichnung. In den Niederlanden erhielt Meinarda den Bronzenen Löwen, das Widerstandskreuz und das Abzeichen der Binnenlandse Strijdkrachten.

Sie erhielt Dankesworte und Urkunden von internationalen Staatschefs, darunter dem amerikanischen Präsidenten Eisenhower. Außerdem unterhielt sie gute Beziehungen zur niederländischen Königin Wilhelmina, der Urgroßmutter unseres Königs Willem-Alexander.

Sie erhielt also durchaus Anerkennung. Und doch. Meinarda van Terwisga, unsere große Heldin, starb einsam und enttäuscht in ihrem Haus in Apeldoorn im Mai 1997. Denn was ich zu Beginn sagte, dass manche Menschen noch lange unter den schrecklichen Ereignissen des Krieges leiden, das traf auch auf Meinarda zu.

Ihr ganzes weiteres Leben lang hatte sie weiterhin Schuldgefühle. Weil sie überlebt hatte und ‘ihre Jungs’, wie sie sie weiterhin nannte, nicht. Sie machte sich Vorwürfe, dass sie nicht bemerkt hatte, dass sich ein Verräter in ihrer Gruppe befand.

Nach dem Krieg setzte sie sich für Juden ein, die den Krieg überlebt hatten. Sie half ihnen mit ihrem eigenen Geld, weil die Regierung ihrer Meinung nach zu wenig für diese Menschen tat. Auch dadurch wurde sie verbittert. Und auch ein wenig in Vergessenheit geraten. In Apeldoorn ist zwar eine Straße nach ihr benannt, und am Denkmal im Verzetsstrijderspark wird ihrer gedacht. Aber an dem Denkmal, zu dem wir gleich gehen werden, wird ihr Name nicht erwähnt.

Das ist einerseits verständlich. Denn dieses Denkmal ist für diejenigen bestimmt, die am 2. Oktober 1944 ermordet wurden. Und Meinarda van Terwisga hat den Krieg überlebt. Allerdings war sie die Anführerin dieser Widerstandsgruppe.

Und deshalb werden wir in Kürze auch für Meinarda van Terwisga eine Glasplatte am Denkmal anbringen, auf der ihr Name steht und erklärt wird, wer sie war. Damit sie bei der nächsten Gedenkfeier namentlich gewürdigt wird.

Ihr habt gesehen, dass heute gedreht wird. Der NOS dreht eine Dokumentation über Meinarda van Terwisga, zusammen mit einer Einwohnerin aus Apeldoorn, Frau Kingma, die sich intensiv mit dem Leben dieser Widerstandsheldin beschäftigt hat. Die Sendung wird im Januar im Fernsehen ausgestrahlt und darin wird ihre Lebensgeschichte ausführlich erzählt.

Zu Beginn meiner Geschichte sagte ich: “Achtzig Jahre scheinen lange her zu sein”. Doch immer noch tauchen neue Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg auf. Es bleibt wichtig, diesen Geschichten zuzuhören. Denn sie erzählen uns etwas über Gut und Böse. Über Angst, über Zweifel, über Mut und über Entscheidungen, die Menschen treffen. Damit wir bei uns selbst nachdenken können: Was denke ich? Was würde ich tun? Deshalb erzählen wir heute die Geschichte von Meinarda van Terwisga. Eine außergewöhnliche, mutige junge Frau aus Apeldoorn. Die ihr Leben für andere riskierte. Aus der Überzeugung heraus, dass alle Menschen gleichwertig seien.

Ich weiß nicht, ob ich mich trauen würde, das zu tun, was sie getan hat. Denn dafür braucht man sehr viel Mut. Deshalb ist es umso trauriger, dass sie ihr ganzes Leben lang unter den Folgen des Krieges gelitten hat. Und deshalb ist es gut, dass wir heute auch an sie denken. Und dass wir sagen: Vielen Dank, Meinarda van Terwisga. Wir werden Sie nicht vergessen.

Vielen Dank euch allen.

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